Umgang mit Freunden und Verwandten

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„Spannst du die Saite zu stark, wird sie reißen. Spannst du sie zu schwach, kannst du nicht auf ihr spielen.“

(Buddha)

In diesem Artikel von wikihow ging es vor allem um Tipps für Angehörige. Heute möchte ich die umgekehrte Situation behandeln: Wie gehe ich als chronischer Schmerzpatient am besten mit Freunden und Verwandten um? Soll ich über meine Beschwerden reden?

Zunächst einmal die zwei Extreme:

  1. Ich spreche nie über meine Schmerzen und Beschwerden, die mich tagtäglich belasten. Das könnte beispielsweise so aussehen: Ich mache eine 6-stündige Wanderung im Schwarzwald und erzählte hinterher, wie schön die Natur war, wie viel Spaß ich hatte und schicke noch ein paar Fotos mit, auf denen ich strahle wie der Sonnenschein.
    Daraus schlussfolgern vermutlich viele Freunde und Verwandte, dass es nun wirklich bergauf geht bei mir, wenn ich solch eine Anstrengung so gut durchhalte. Im Einzelfall kommt eine irritierte Nachfrage, ob meine Beine das mitgemacht haben. Insgesamt aber haben die meisten den Eindruck, es ginge mir bestens und meine gesundheitlichen Probleme seien ja gar nicht so schlimm.
    (Was ich bei dieser Variante aber nicht gesagt habe: Nach der Wanderung hatte ich so extrem starke Schmerzen in den Beinen, dass ich abends weinend auf dem Bett lag und daran gedacht habe, dass ich nicht mehr lange mit diesen Schmerzen leben kann und möchte).

    Der Gedanke dahinter: Helfen kann mir sowieso niemand, also bringt es nichts, darüber zu reden und andere runterzuziehen.

    Vorteil: Ich verbreite gute Stimmung und andere freuen sich mit mir.

    Nachteil: Ich muss das Leid, das schon belastend genug ist, komplett mir mir selber ausmachen und auf meinen Schultern tragen. Eine Folge kann sein, dass ich mich zurückziehe und Treffen absage und niemand versteht, weshalb. Dadurch können Freundschaften verlorengehen.

  2. Ich spreche ständig darüber, wie schlecht es mir geht: Wie weh mir mein Körper tut, dass ich erschöpft bin, dass ich meinen Lieblingssport das Joggen nicht mehr betreiben kann, dass ich deswegen zugenommen habe, dass ich 24 Stunden am Tag Kompressionsstrümpfe tragen muss, dass es zu heiß ist, dass ich die Nase voll habe, jede Woche zum Arzt zu gehen, dass ich durch die Zeit der Arbeitslosigkeit einen Berg von Schulden angehäuft habe, dass ich durch die Schmerzen und negativen Erfahrungen mit Ärzten ein anderer, misstrauischerer Mensch geworden bin… usw.

    Der Gedanke dahinter: Ich möchte meiner Umwelt nichts vorspielen.
    Vorteil: Reden tut gut und befreit die Seele. Wenn ich mit Menschen darüber spreche, wie es mir geht, fühle ich mich hinterher meist besser.

    Nachteil: Auf Dauer beginne ich mein Umfeld mit meiner Negativität zu nerven. Keiner kann sich immer nur Gejammere anhören, vor allem, wenn er sich in die Situation nicht hineinversetzen kann. Die Geduld und das Verständnis sind irgendwann aufgebraucht, die Leute ziehen sich von einem zurück.

Vorweg möchte ich sagen: Ich glaube nicht, dass es den richtigen Weg gibt. Allerdings habe ich den Eindruck, dass ein gesunder Mittelweg der angenehmste für alle Seiten ist. Was bedeutet das konkret?
Es bedeutet, dass ich immer wieder neu entscheide, wem ich wann was sage. Es hängt natürlich von meiner eigenen Stimmung ab, aber auch von meinem Gegenüber. Habe ich das Gefühl, ich kann der Person etwas zumuten? Passt es gerade zum Thema? Geht es mir so schlecht, dass ich sowieso nicht verheimlichen kann, wie es wirklich um meine Stimmung steht? Oder bin ich gerade gut drauf und gedanklich mit etwas anderem beschäftigt, sodass ich das Thema auch gut mal ruhen lassen kann?

Das ist immer wieder ein Balanceakt, der mal besser, mal schlechter funktioniert. Wichtig ist meiner Meinung nach, sich nicht zu verstellen. Offenheit ist das wichtigste für menschliche Kontakte. Was wären das für Freundschaften, wenn ich nicht sagen kann, wie ich mich fühle? Trotzdem sollte man versuchen, das, was für das Umfeld zu einer zu großen Last werden würde, auszulagern: Sei es, indem man noch mal mit Ärzten spricht, ob eine bessere Einstellung der Schmerzmedikamente probiert werden kann, über das Schreiben oder Treffen von anderen Patienten in Selbsthilfegruppen oder auch, indem man eine Psychotherapie beginnt, in der jemand sitzt, der dafür bezahlt wird, dass er sich das jede Woche anhören muss.

Was auch hilfreich ist, um unabhängig von anderen Menschen mit der eigenen Lage umgehen zu können: Individuelle Wege finden, indem man das tut, was einem Freude bereitet sowie Stress bzw. Schmerzen abbaut, z. B.: Tagebuch oder Blog schreiben,  Sportarten finden, die möglich sind,  Yoga und Meditation praktizieren, Musik hören, die Trost spendet, Galgenhumor. Mir persönlich hilft unter anderem Minimalismus. Was genau es damit auf sich hat, das erfährst du in einem der nächsten Artikel.

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